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Workflow-Automatisierung für Solo-Freelancer: Prinzipien und Setup

Ein klarer Rahmen für Automatisierungen: Ziele, Datenquellen, Trigger, Fehlerhandling und ein minimaler Stack, der wirklich funktioniert.

Praxisnah Checkliste

Warum sich Automatisierung für Solo-Freelancer lohnt

Freitagabend, 18:30 Uhr. Ich sitze noch am Rechner und tippe zum dritten Mal diese Woche dieselbe Projekt-Status-Mail. Gleichzeitig liegt eine unbezahlte Rechnung im Postfach, die ich seit Montag "gleich noch" bearbeiten wollte. Und der Beleg vom Geschäftsessen letzte Woche? Irgendwo auf dem Schreibtisch.

Als Solo-Freelancer bin ich gleichzeitig Entwickler, Projektmanager, Buchhalter und Support. Jede dieser Rollen frisst Zeit - und die meisten davon mit Aufgaben, die sich Woche für Woche wiederholen. Genau hier setzt Automatisierung an: nicht als technische Spielerei, sondern als Werkzeug, das mir Freitagabende zurückgibt.

In diesem Artikel zeige ich dir die Prinzipien, die sich bei mir bewährt haben. Kein Tool-Hype, keine Over-Engineering-Fantasien - nur das, was bei mir seit Jahren funktioniert.

Ziel dieses Artikels

Du bekommst hier einen Rahmen, mit dem du Automatisierung sauber aufsetzt und deine Prozesse nicht "zu Tode skriptest".

Nach dem Artikel weißt du:

  • wie du die richtigen Prozesse auswählst (statt einfach alles zu verbinden),
  • welche Trigger und Datenquellen sich in der Praxis bewähren,
  • wie du Fehlerhandling und Monitoring von Anfang an einbaust,
  • welches Minimum-Setup reicht, um produktiv zu starten.

Kurzfazit (TL;DR)

  • Standardisiere den Prozess, bevor du automatisierst.
  • Baue Fehler sichtbar ein: Monitoring, Logs und einen manuellen Fallback.
  • Starte klein: ein Workflow, den du in 60-90 Minuten produktiv bekommst.

1) Ziele zuerst: Was soll die Automatisierung wirklich leisten?

Bevor ich ein Tool verbinde, definiere ich ein Ziel, das messbar ist:

  • Zeit sparen: z.B. 30 Minuten pro Woche weniger Admin-Arbeit.
  • Fehler reduzieren: z.B. keine vergessenen Belege oder Deadlines.
  • Transparenz erhöhen: z.B. Status automatisch sichtbar machen.

Automatisierungen funktionieren dann gut, wenn das Ziel klar ist. Ohne Ziel baue ich nur neue Komplexität.

2) Prozess-Landkarte: Was ist der kleinste stabile Ablauf?

Ich starte immer mit einem simplen Ablauf, den ich auch manuell sauber durchführen kann. Dann automatisiere ich nur die stabilen Teile. Ein brauchbares Minimal-Schema sieht so aus:

  1. Eingang (E-Mail, Formular, Ticket)
  2. Standardisierung (Benennung, Kategorien, Felder)
  3. Ablage (Ordner, Datenbank, Projekt)
  4. Folgeaktion (Task, Reminder, Übergabe)

Dieses Schema nutze ich in allen Bereichen. Ein konkretes Beispiel:

Eingangsrechnung verarbeiten:

  1. Eingang: Rechnung landet als PDF im E-Mail-Postfach.
  2. Standardisierung: Ich benenne die Datei nach Schema YYYY-MM-DD_Lieferant_Betrag.pdf.
  3. Ablage: Die Datei wandert in den Ordner Buchhaltung/2026/01/Eingang/.
  4. Folgeaktion: Ein Task "Rechnung prüfen und freigeben" wird erstellt.

Diesen Ablauf kann ich manuell in 2 Minuten erledigen - oder ich automatisiere ihn und spare mir über das Jahr gerechnet mehrere Stunden. Meinen vollständigen Monatsabschluss-Workflow habe ich hier beschrieben: Monatsabschluss für IT-Freelancer

Checkliste: Ist ein Prozess "automation-ready"?

  • Wiederholt sich der Ablauf häufig genug? (mindestens wöchentlich)
  • Gibt es einen klaren Trigger? (Ereignis oder Zeitplan)
  • Sind Eingaben eindeutig? (IDs, Absender, Kundennummer, Anhang-Typ)
  • Ist das Ergebnis überprüfbar? (Datei liegt im richtigen Ordner, Status ist gesetzt, Task ist erstellt)
  • Was ist der Fehlerfall - und wie arbeitest du dann weiter?
  • Wo siehst du, dass etwas schiefging? (E-Mail, Ticket, Log)

Wenn du 4-6 Punkte mit "ja" beantworten kannst, ist das ein sehr guter Kandidat.

3) Datenquellen & Trigger: Wo startet der Prozess zuverlässig?

Automatisierungen sind nur so gut wie ihr Eingang. Ich wähle Quellen, die vollständig und stabil sind:

Quelle Typische Trigger Beispiel
E-Mail Neue Nachricht, bestimmter Absender/Betreff Rechnung von Hetzner landet → Beleg-Workflow startet
Kalender Termin beginnt, Erinnerung X Minuten vorher "Monatsabschluss" am 1. → Checkliste wird erstellt
Projekttools Status wechselt, Ticket wird erstellt Ticket auf "Done" → Kunde wird benachrichtigt
Git Push, Merge, Tag Release-Tag → Changelog wird generiert

Wichtig: Trigger müssen eindeutig sein. Ein Negativbeispiel aus meiner Anfangszeit: Ich hatte einen Trigger auf "E-Mail enthält 'Rechnung'" gesetzt. Das Ergebnis? Auch Newsletter mit Betreff "Unsere neue Rechnungsfunktion" landeten im Buchhaltungs-Workflow. Seitdem filtere ich zusätzlich nach Absender-Domain oder Anhang-Typ.

Lieber weniger, dafür verlässliche Trigger.

4) Minimum-Stack: Ein schlankes Setup, das wirklich läuft

Ich versuche, mit einem minimalen Stack zu starten:

  • E-Mail + Ordnerstruktur als Eingang und Ablage
  • Eine zentrale Aufgabenliste (z.B. Notion, Todoist, Linear)
  • Ein Automatisierungs-Tool nur für wiederholte Übergaben

Damit kann ich schon 80% der Arbeit stabil automatisieren. Erst wenn das läuft, kommen Spezialtools dazu. Beim Thema Buchhaltung setze ich z.B. auf Lexware Office, weil die API die Beleg-Erfassung und Zuordnung solide abbildet. Lexware Office für Freelancer

Beispiel: E-Mail -> Ordner -> Aufgabe

Ziel: Jede Kundenanfrage wird automatisch als Aufgabe erstellt und sauber abgelegt.

  1. E-Mails mit Betreff "Anfrage" werden in einen Ordner verschoben.
  2. Ein Automatisierungs-Tool erstellt daraus einen Task mit Fälligkeitsdatum.
  3. Optional: ein Link zur Original-Mail wird angehängt.

Wichtig ist der Schritt "Standardisierung", damit die Aufgabe immer die gleiche Struktur hat.

Erste Automatisierung in 60-90 Minuten (Vorgehen)

Wenn du neu startest, wähle einen Workflow mit niedrigem Risiko, den du im Notfall manuell nachziehen kannst. Mein Vorgehen:

  1. Schreibe den manuellen Ablauf in 5-8 Schritten auf.
  2. Baue zuerst den Happy Path.
  3. Baue dann zwei Fehlerfälle ein (z.B. fehlende Daten, keine Rechte).
  4. Lege fest, wo Fehler landen (Mail an dich oder Task im Board).
  5. Dokumentiere den Workflow in 10 Zeilen (Zweck, Trigger, Systeme, Fallback).

5) Betrieb & Fehlerhandling: Automatisierungen brauchen Pflege

Automatisierungen brauchen Betrieb wie jedes andere System. Das habe ich auf die harte Tour gelernt: Letztes Jahr hatte ich einen Workflow für automatische Rechnungserstellung. Lief monatelang perfekt - bis mein Buchhaltungstool ein API-Update machte. Drei Wochen lang gingen keine Rechnungen raus, weil ich die Fehlermails übersehen hatte.

Seitdem halte ich mich an drei Regeln:

  1. Monitoring: Jeder kritische Flow schickt mir eine wöchentliche "Alles OK"-Mail. Keine Mail = Problem.
  2. Manueller Fallback: Ich kann jeden automatisierten Prozess auch von Hand durchführen - und weiß wie.
  3. Wartungsfenster: Am ersten Montag im Monat prüfe ich alle Flows einmal durch (15 Minuten).

Ich behandle Automatisierungen wie Code: Jede Änderung landet in einem Git-Repo, die Dokumentation ist in Markdown gepflegt, und die Ausführung läuft über klare Pipelines - typischerweise GitHub Actions oder eine selbstgehostete Jenkins-Instanz, je nach Fall.

So entsteht ein sauberer, nachvollziehbarer Verlauf. Und wenn etwas kaputt geht, kann ich schnell isolieren, was passiert ist.

Typische Artefakte, die ich pflege:

  • README.md mit Prozessbeschreibung und Einstieg.
  • justfile mit Tasks für Setup, Pre-Commit-Checks und lokale Runs.
  • Runbook.md für Fehlerfälle und manuelle Fallbacks.
  • Pipeline-Definition für Tests, Deploys und Rollbacks.
  • docs/ mit ausführlicher Dokumentation zu Prozessen, Entscheidungen und Schnittstellen.

Typische Fehler (und wie du sie vermeidest)

  1. Zu groß starten: "Ich automatisiere direkt alles." Besser: ein Workflow, der stabil läuft und dir Vertrauen gibt.

  2. Keine Zuständigkeit: Automationen werden gebaut und dann vergessen. Besser: ein fester Check (z.B. monatlich) und ein Platz für Fehler.

  3. Unklare Trigger: zu breite Filter erzeugen Müll oder Duplikate. Besser: lieber streng filtern und später erweitern.

  4. Keine Idempotenz: gleiche Events erzeugen doppelte Daten. Besser: dedupe über IDs, stabile Keys oder "exists"-Checks.

  5. Security nachschieben: Keys liegen irgendwo und bleiben ewig gültig. Besser: minimaler Zugriff + Rotation + Dokumentation.

Kurzfazit

Workflow-Automatisierung für Solo-Freelancer funktioniert nur mit klaren Zielen, stabilen Eingängen und einem minimalen Setup. Starte klein, automatisiere nur stabile Schritte und halte deine Automatisierungen bewusst pflegbar.

Wenn du als Einstieg eine Übersicht suchst, findest du alle Inhalte hier: Workflows: Automatisierung.

FAQ

Was ist der wichtigste erste Schritt? Ein klarer, manuell funktionierender Prozess. Ohne diesen Rahmen bringt Automatisierung nichts.

Muss ich sofort ein Automatisierungs-Tool nutzen? Nein. Viele Abläufe lassen sich schon mit E-Mail-Regeln, Ordnern und Vorlagen stark vereinfachen. Für einfache, zeitgesteuerte Abläufe (z.B. tägliche Backups, Datenexporte, Beleg-Upload) reichen mir OS-interne Mechanismen: unter Linux systemd-Timer + Service, unter Windows die Aufgabenplanung mit einem PowerShell-Skript. Als DevOps bevorzuge ich systemd für alles, was auf meiner eigenen Infrastruktur läuft, weil ich Units versioniere und über Journald klare Logs bekomme.

Für Workflows, die mehrere externe Dienste verbinden (z.B. Toggl → Lexware Office → Google Docs), nutze ich Make, weil ich dort die Integrationen nicht selbst bauen muss. Die Faustregel: Eigene Scripts für einfache, zeitgesteuerte Abläufe auf eigener Infrastruktur - Make für Tool-übergreifende Orchestrierung mit Verzweigungen und Datenanreicherung.

Wie verhindere ich Fehler in Automatisierungen? Durch klare Trigger, Tests bei Änderungen und ein wöchentliches Monitoring. Ich finde zudem viele Fehler erst beim Dokumentieren - wenn ich den Ablauf Schritt für Schritt in Markdown formuliere, fallen Logiklücken und Sonderfälle schneller auf als im reinen Betrieb.

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